Samstag, 30. Juni 2012

J. Schimmang

Rezension
Jochen Schimmang
Der schöne Vogel Phönix


In diesem Buch das 1979 erschien, beschreibt der Autor unter dem Namen Murnau, einige seiner Lebensstationen der Sechziger- und Siebzigerjahre in biographischer Form. Unter anderem die Jugend in Friesland und einige Freunde oder halbwegs gute Freunde werden dem Leser vorgestellt. Wie erlebt man mit Zwanzig das Jahr 1968 wenn man gerade irgendwo, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, beim Bund ist? Die alltägliche Situation dieser Zeit erscheint in ruhigen Texten und liest sich recht unspektakulär, teils auch etwas langweilig. Dafür auch etwas museal aus heutiger Sicht. Klar, die politischen Vorgänge wie Pariser Mai oder Prager Frühling sind nicht mehr jeden vertraut und es ist eine Welt, in der noch Briefe geschrieben wurden und das Telefon war das einzige elektronische Medium das dem Normalbürger zur Verfügung stand. Eingebettet darin nur einige politische Vorgänge dieser Zeit, frustrierende Liebesgeschichten und der Übergang von den 60gern zu den 70igern, was für viele mehr als ein Jahreswechsel darstellt, denn es geht einiges mehr zu Ende als ein Jahrzehnt.


Doch da ist der Autor bereits in Berlin, dem Zentrum der Bewegung, die aber bereits Geschichte ist. Im Studentenwohnheim untergekommen, erfahren wir einiges über die Bewohner und die persönlichen Motive in der Stadt Anschluß zu finden. Aus dem Ghetto Schlachtensee herausfinden ist ein Grund und über persönliche Beziehungen findet man in dieser Zeit auch in die entstehenden Geheimzirkel, aus denen dann die Marxistisch Leninistischen Parteien entstanden. Genauer gesagt, nur auf diese Weise, denn diese Gruppen schotten sich zunächst ab und in den internen Kreis kommt nicht jeder so einfach rein. Da war die Grundlage zum Sektierertum bereits gelegt. Hier beschreibt der Autor seine persönlichen Motive sich in die damals in Mode gekommenen Bücher von Marx bis Stalinwerke einzupfeifen. Ein etwas spezifischer Grund, dadurch die eigene Überflüssigkeit beseitigen zu wollen und eine verkorkste Beziehung gehört wohl auch dazu, wenn auch nachvollziehbar. Es gab schließlich vielfältige Gründe damals die Bücher von Marx über Lenin bis Mao zu studieren, weil man ohne dieses Basiswissen in den 70igern nicht ernst genommen wurde.

Der Autor gerät also in diesen Parteizirkel und nun wird es wirklich interessant. Denn nun erfährt man subjektiv und aus unmittelbarer Nähe, wie diese Gruppen entstanden und wie es da zuging. Zunächst bekommt er Papiere dieses Zirkels, die er als noch Außenstehender nie hätte lesen dürfen, ja er hätte nicht mal von deren Existenz wissen dürfen. Zwar bestanden sie nur aus zusammengetippten, fast unlesbaren politischen Strategiedebatten, dafür war die Zeit der linken Geheimbünde angebrochen.
Das hört sich aus der Rückschau etwas seltsam an, doch auch wer erst Jahre später seine Erfahrungen mit linker Politik gemacht hat, dem wird das seltsam bekannt vorkommen. Wir befinden und zwar in einer Zeit, in der es weder Internet noch Handy gibt, doch sogar heute im Netzzeitalter kennt man dieses Verhalten. Je größer die eigene Bedeutungslosigkeit, um so mehr Geheimnistuerei um bedeutungsloses Zeug wird veranstaltet.
Murnau beschreibt die leninistische Wende und wie es dazu kam.
Die ratlos gewordene Linke sah sich auf einmal mit den Septemberstreiks konfrontiert und die selbst ernannte revolutionäre Intelligenz war darauf weder politisch noch organisatorisch vorbereitet. Doch das schien der Ausweg aus der zerfallenden Studentenbewegung zu sein und um hier den Zug nicht zu verpassen, brauchte man eine Organisation. Lenins "Was Tun" wurde für diesen Teil der Linken zur Patentlösung und so wurden wieder mal Marxistisch Leninistische Parteien gegründet.
Soweit zu den objektiven Grund, subjektiv beschrieben sieht es dann so aus. Die alten Zusammenhänge waren zerfallen, da boten die neuen Organisationen neue Zusammenhänge an. Solche Einschübe der allgemeinen politischen bzw. gesellschaftlichen Situation finden sich im Text, der dann wieder zu persönlichen Erfahrungen überleitet. Ebenso zur Feststellung, irgendwo zu spät gekommen zu sein. Eine Erfahrung die Murnau mit vielen aus dieser Zeit teilt, die nach der Studentenbewegung aktiv wurden. Die glaubten hier bewegt sich was um dann festzustellen, das die Party längst vorbei war und sie nur noch rechtzeitig da waren, um die leeren Flaschen aufzusammeln. Eine Erfahrung, die sich nicht auf 68 beschränkt, auch danach gab es stets die Nachzügler einer Bewegung, die erst glaubten, hier geht was ab um dann frustriert festzustellen, das hier nur noch die mit langer Leitung übrig geblieben sind, die nicht wissen, wann es Zeit ist ne Party zu verlassen.

In dem Fall steht Murnau stellvertretend für die Linke, die noch lange nach 68 über das Ende der Bewegung jammerten, aber erstmal selbst jede Erinnerung an diese auszulöschen versuchten, als sie Parteisekten gründeten und um diese zu legitimieren, eine Herkunft aus der Weimarer KPD konstruierten, die es nicht gab, bei gleichzeitigem Verdrängen der 68ziger Revolte, die ja nur kleinbürgerlich war.


Über die Zusammenarbeit mit einer Betriebsgruppe und Beziehungen gelangt Murnau schließlich zum Aufnahmegespräch, in dem es darum geht, warum jemand ohne proletarischer Herkunft in diese Organisation will. Er hatte sich immerhin nützlich gemacht und beschreibt hier das Aufnahmeritual, das dem Bewerbungsgespräch in einer Firma vergleichbar ist und wo man sich entsprechend gut darstellen muß. So lief das seinerzeit, da konnte man nicht einfach angeschissen kommen. Diese elitären Zirkel nahmen nicht jeden in den Kreis der Gründer auf. So war dann auch sichergestellt, das der Gründerkreis auch später die Linie bestimmte und trotz der Geschichte mit dem demokratischen Zentralismus der zur Grundausstattung der Kommunistischen Partei gehört, zu einer hierarschischen autoritären Sekte wurde. Was hier in einen Fall beschrieben wird, trifft auch für den Rest dieser Vereine zu.

Dazugehören ist was Besonderes, man kann sich elitär fühlen und wenn man in einer anderen Welt lebt, dann hat man alten Freunden immer weniger zu sagen. Jochen Schimmang hört sich mit alten Freunden von früher reden, als hätte er sie nie gekannt. Eine typische Verhaltensweise von Sektieretum. Man tritt nur noch als Werber seiner neuen Ideen auf und merkt nicht mehr, das man seine Freunde nur noch nervt. Auch etwas, das viele erlebt haben, in der Position des Autors oder auch in der Gegenposition, das man auf einmal feststellt, das jemand nicht wieder zuerkennen ist. Murnau hatte das Glück, das noch einige Freunde blieben, zu denen er von Zeit zu Zeit regelrecht flüchten mußte um noch eine andere Welt als die der Partei wahrzunehmen. Hier beschreibt er einige Reisen und die Örtlichkeiten recht präzise und ebenso präzise zum Nachvollziehen, das Berliner Szenario. Eine recht subjektive Darstellung von Westberlin in den frühen Siebzigern wie es sich im Bereich von Studenten und Post - 68ziger Linken darstellte und darin eingebettet, die Arbeit für die Partei.
Mitten in der Organisation, erfahren wir, wie es das so zuging. Texte produzieren, sich mit der Parteikonkurrenz prügeln, Flugblätter und Zeitungen produzieren und das alles mußte ja noch stets diskutiert werden. Eine Menge Arbeit, zeitraubend und stressig, dafür weiß man wo man hingehört. "Ein Tag ohne Termine bedeutete die Wiederkehr der immer gleichen Angst, überflüssig zu sein, nicht gebraucht zu werden."
Oder so: "So produzierten wir verbissen unsere Flugblätter und Zeitungen, trugen unsere Antipathien aus und warteten alle darauf, das sich irgendwann einmal etwas grundsätzlich ändern würde an diesen Verhältnissen, ohne uns genau vorstellen zu können, was das sein sollte. Die falsche Art, Politik zu machen, setzte sich hinter dem Rücken ihrer unmittelbaren Produzenten durch. Keiner der übermüdeten Gestalten an dem Tisch war noch anzusehen, das sie Produkte einer Bewegung waren, der einstmals (es war noch nicht lange her) Politik Spaß gemacht hatte, für die antikapitalistische Politik und subjektiver Emanzipationsprozeß Momente desselben Prozesses waren."
Nun gut, da wird 68 ein wenig idealisiert. Früher war eben alles besser, kennt man ja.
Gelegentliche Zusammenbrüche beschreibt der Autor auch und da war er sicher nicht der Einzige. Man kann s eben auch übertreiben.
Kommt einen doch recht vertraut vor. Je weniger sozialen Zusammenhalt man hat, desto länger hält man es in solchen Vereinen aus, die so zur sozialen Ersatzfamilie werden. Und das ist keineswegs eine ferne Vergangenheit, Sektierervereine, ob politisch, religiös oder esoterisch motiviert, gibt es ja nach wie vor.
Weiterhin beschreibt der Autor ein bemerkenswertes Phänomen, die Realitätsverweigerung. Und hier scheint der Text keineswegs von 78, es ist verdammt aktuell.
"Es blieb uns auch gar nichts anderes übrig, denn die Wirklichkeit außerhalb unserer Organisation bot ihrerseits keine Sicherheiten an. Unsere Sicherheiten mußten wir uns schon selbst schaffen. Sie gerieten trotzdem bei der kleinsten Gelegenheit, wo sie eine Überprüfung bestehen mußten, ins Zittern. Keine Arbeit tat ich weniger gern, als an den entsprechenden Tagen morgends vor den großen Berliner Fabriken unsere Flugblätter und Zeitungen zu verteilen."
Das kennen etliche, die mal dabei waren und spätestens hier sahen, das ihre mühsam erstellten Schriftstücke bei den Arbeitern auf angemessenes Desinteresse stießen. Bild las sich schon damals leichter in der Frühstückspause und außerdem hatten die linken Blätter keinen Sportteil. In den Einkaufszonen sah es auch nicht viel besser aus und um das durchzuhalten, blieb nur die Realitätsverweigerung. Einfach ignorieren, das die eigene politische Arbeit für die Mehrheit völlig belanglos ist. Zwar verschwand diese Form von Agit Prop mit dem Ende dieser Vereine von der Straße, überlebt hat dafür die Haltung, eine unangenehme Realität einfach nicht zur Kenntnis zu nehmen und jedes zur Sprache bringen abzuwürgen, zu zensieren und diejenigen, die unangenehme Tatsachen die nicht in die Ideologie passen thematisieren, als Verräter anzugreifen. Diese Einstellung hat sich ins Internetzeitalter herübergerettet.
Wie kommt man aus dieser Ideologiefalle raus? Auch dies wird anschaulich beschrieben und naturgemäß fängt es mit kleinen Fragen und Widersprüchen an. Klar bleibt dies zunächst im ideologische Rahmen des Marxismus Leninismus und vieles davon liest sich heute etwas fremdartig, was daran liegt, das diese Ideologie schon lange nicht mehr zum bestimmenden Allgemeinwissen der Linken gehört , doch irgendwann lässt sich die Frage nicht mehr ignorieren, ob die Avantgarde wirklich eine ist, nur weil sie sich so nennt "und allein in Westberlin gab es mindestens drei selbsternannte Konkurrenzavantgarden." Die Auseinandersetzungen in dieser Gruppe werden in zusammengefasster Form beschrieben, ebenso die langsame Ablösung von der Parteiloyalität. Dazu zählt, über den engen Parteihorizont zu blicken und zu sehen, was andere schreiben. "Gemessen an dem, was ich da las, schienen mir die Ansprüche, die wir an unsere Arbeit und an uns selbst stellten, ein sehr gestörtes Verhältnis zur Realität auszudrücken. Erstmals kam ich auf den Gedanken, das nicht allein die geringe Anzahl der Genossen, sondern viel grundsätzlicher deren Verhältnis zur Wirklichkeit war, was uns auf der Stelle treten ließ. ....Die Lebensfähigkeit unserer Firma schien immer mehr nur dadurch aufrechtzuerhalten, das sie sich konsequent von der Wirklichkeit fernhielt, die sie eigentlich umwälzen wollte....Theoretisch mochten wir uns als entschiedene Materialisten äußern; praktisch waren wir gezwungen, uns als Idealisten zu verhalten, damit die Show weiterging."

Dies ist doch eine recht anschauliche Beschreibung des Widerspruchs denen sich marxistisch leninistische Gruppen stets gegenüber sahen. Für Murnau endet die Parteikarriere zwar bereits etwa 72, doch bekanntlich legten andere zu dieser Zeit erst richtig los und nicht alle verschwanden in den 80igern. Einige haben als Überrest bis heute überlebt und es ins Internet geschafft.


"Für die Umsetzung all dieser Ansprüche in Wirklichkeit gab es aber nur eine einzige Basis: den guten Willen der Beteiligten und die Bereitschaft, dafür rund um die Uhr zu arbeiten. Je größer der gute Wille der Beteiligten war, desto größer mußte am Ende die Katastrophe werden."


Auch ein nettes Zitat, bekanntlich haben Sekten die Angewohnheit, bei mangelnden Erfolg ihre Ansprüche in die Höhe zu schrauben, damit keiner über die tatsächlichen Gründe nachdenkt und dabei möglicherweise auf dumme Gedanken kommt.

"Diese Organisation ist auf die Dauer nicht lebensfähig, von gutwilligem Voluntarismus getragene subjektive Anstrengungen, können ihr qualvolles Sterben nur verlängern, aber nicht verhindern. Seine Gründe findet das in den organisationsinternen Ansprüchen, in der Notwendigkeit des Konkurrenzkampfes mit anderen, in der Vorgeschichte und Herkunft der Organisation aus der Studentenbewegung bei gleichzeitigem Versuch, diese Herkunft zu verdrängen, und in der mangelhaften, objektiv bedingten Verankerung in dem, was man gesellschaftliche Realität nennt."

Solche Überlegungen muß Murnau freilich etwas in die damalige Parteiterminologie verpacken und legt sich nur dem Führungsgremium zur Diskussion vor. Die gutwilligen Genossen der unteren Hierarchieebene sollten nicht von solchen Ketzergedanken beunruhigt werden. Mag diese Partei nur ein Mikrokosmos gewesen sein, dafür findet sich im Kleinformat alles wieder, was eine autoritär hierarschiche Organisation ausmacht. Debatten bleiben innerhalb der Führung, das Parteivolk wird mit der Propaganda aus der Parteizeitung versorgt und soll nicht zuviel denken .

In der Partei selbst nahm die Zahl der Gutwilligen immer mehr ab, der Zerfall hatte auch so eingesetzt und in dieser Situation kann Murnau den letzten Schritt tun und dieser besteht in einer Abrechnung auch mit den proletarischen Verkleidungen und mit dem naiven und arroganten Verhältnis , "das unsere Firma und die Konkurrenzfirmen zur gesellschaftlichen Wirklichkeit pflegten." Dies freilich in einer dem damaligen ideologischen Sprachgebrauch verpackten Papier mit dem Titel: "Proletarische Bewegung und Organisation des Proletariats," das im Original sicher genau so sperrig lesbar wäre wie die damals üblichen Parteizirkulate. Es war eben eine andere (Sprach)Welt als heute. Man konnte nicht so frei drauflostippen und den Text grad mal so mir nichts dir nichts ins Netz stellen, das es ohnehin nicht gab. Um zu schreiben und in dieser Welt für voll genommen zu werden, mußte man erst die "Heiligen Texte" (MEW, Marx Engels Werke) studiert haben. Mindestens, und noch Lenin, Stalin und Mao gelesen haben. Und geschrieben wurde über die Erfahrungen der Arbeiterklasse wie sie von der Partei zu ewigen Wahrheiten verallgemeinert waren. Die eigene Erfahrung war subjektiv und irrelevant. Vor allem die subjektive Erfahrung im Deutschland der 70iger Jahre, in dem der Spruch; Geh doch rüber, zur Grundausstattung jeder Debatte mit der Mehrheitsbevölkerung gehörte.

Nach dem Ausstieg fällt Murnau vom ersten Glücksgefühl erstmal in das übliche Loch und es braucht einen Umzug, einige Freunde, um wieder Fuß zu fassen. Die soziale revolution ist keine Parteisache, diese Zeitung liegt schon länger bei ihm rum und erst nun kommt er dazu diese zu lesen und hier wird es noch einmal interessant, denn kaum jemand wird heute sowas in der Sammlung haben. Hier zitiert er einige Auszüge daraus.

"Was die revolutionären Organisationen auch unternehmen, sie können nicht aus eigener Kraft den von der Gesellschaft gesetzten Rahmen durchbrechen. Ihre revolutionären Hoffnungen reduzieren sich auf die praktischen Möglichkeiten der jeweils gerade stattfindenden Bewegung, und die radikale Phraseologie ändert nichts an der offenkundigen Machtlosigkeit."
"Niemand kann die Arbeiter zwingen, den Kapitalismus anzugreifen als der Kapitalismus selbst, und wenn sie nicht zu kämpfen bereit sind, so kann das niemand stellvertretend tun."
Die wichtigste Aussage ist diese: " ...In einer nicht-revolutionären Situation ist keine revolutionäre Politik möglich..."
Diese Aussage bestätigten noch Jahrzehnte danach die diversen Vereine, wenn auch unfreiwillig.
Für Murnau ist es der Freispruch vom schlechten Gewissen, das viele gelegentlich befiel, wenn sie sich aus dem Kampf davonstahlen. Ganz so bruchlos lassen sich alte Denkgewohnheiten nicht ablegen. Und vor allem nicht das schlechte Gewissen, von der christlichen Erziehung vielen eingeimpft, von dem viele Vereine profitieren konnten, weil die Beteiligten sich selbst nicht bewußt waren, warum sie sich eigentlich politisch einsetzen wollen. (In dieser Zeit wurden die hungernden Negerkinder von der armen ausgebeuteten Arbeiterklasse ersetzt, die selbst aber gar nicht gefragt wurde.) Oft genug nur, um das schlechte Gewissen zu betäuben das Linke in regelmäßigen Abständen wie die Sommergrippe zu befallen scheint und sie zu Zwangshandlungen treibt, dann haben sie etwas vorzuweisen und können sagen, wenigstens etwas gegen das Elend in der Welt getan zu haben. Bekanntlich gibt es viele Wege ein Problem zu lösen und so gehts auch. Mit der Zeit retteten sich nicht Wenige in die etwas resignative Haltung, wenn du es schaffst, das Elend nicht zu vermehren, dann ist das schon eine Menge. Andere haben es heute im Netzzeiten leichter. Wenn sie aus Gründen fortgeschrittenen Alters schon nichts tun können, dann können sie wenigstens schreiben und so ihren Nachweis liefern, das sie noch dazugehören.

Mittlerweile schreiben wir 72 und die RAF versucht umso mehr stellvertretend zu handeln. Das erlebt er selbst schon als Außenstehender mit, beschreibt aber noch, wie die K Gruppen darauf reagierten. Natürlich gingen sie, ausgerüstet mit Lenins Aussagen vom Abenteurertum auf Distanz, doch auch die RAF hatte sich historisch verkleidet, was der selbstgewählte Name bewies. Für Murnau bedeutet der Parteiausstieg, das er zu dieser Geschichte nicht mehr gezwungenermaßen einen Standpunkt vorweisen muß. Erst recht keinen, der auf der marxistisch leninistischen Klassenanalyse basiert, das kann er nun den ML Parteien überlassen.

Soweit die entscheidenden politischen Erfahrungen, die auch heute noch von Interesse sind. Die Geschichte geht natürlich weiter, Murnau macht in Berlin, was man in Berlin in dieser Zeit so machen kann, findet netterweise auch für kurze Zeit seine Freundin, wenn auch nicht fürs Leben. Nun das Berliner Studentenleben besteht ja nicht nur aus Gespensterdemos wie die anlässlich der Erschießung Petra Schelms, die kurz angerissen wird. Jedenfalls wird es irgendwann Zeit sich von Berlin zu verabschieden und in einer Rüchschau lässt sich diese Zeit wie folgt zusammenfassen.
"Als ich vor über fünf Jahren nach Berlin kam, war ich noch gewissermaße Teil eines Aufbruchs, einer Bewegung, die aber schon beinahe das Stadium ihrer Ebbe erreicht hatte. Woran ich aktiv teilnahm, zum Teil unter großer Kraftanstrengung und unter Aufbietung aller verfügbaren Irrtümer, war allein die Ebbe, auch wenn ich sie lange Zeit für die Flut hielt."