Donnerstag, 21. Juni 2012

Gebote und Verbote linker Glaubensgemeinschaften

Weshalb soll ich mich an die Regeln einer Welt halten, die mir schon dreimal auseinander gebrochen ist? Jede Gruppe, Sekte oder Partei bildet ihre Regeln, Gesetze und Verbote, an die sich alle zu halten haben die dazugehören wollen. Diese Regeln, irgendwann entstanden versteinern irgendwann zu unhinterfragten Dogmen, selbst wenn sie mal sinnvoll waren. Dann dienen sie nur noch der Schaffung von Gruppenidentität, zur Unterscheidung wer dazugehören darf und wer nicht. Was ist wenn sich der Zusammenhang in der diese Regeln mal galten aufgelöst hat? Dann verselbstständigen sich diese Regeln und führen ein gespenstisches Eigenleben. Als um 80 die Welt der ML Sekten auseinanderbrach, verschwand nicht nur deren Papier in der Tonne, auch ihre Sprachreglungen, Ideologien und Feindbilder. Einiges davon spukte noch einige Zeit weiter rum, aber das legte sich beizeiten. Proletarisch, kleinbürgerlich, revisionistisch und was noch alles, irgendwann wurde dieses Zeug nicht mal mehr verstanden. Niemand nahm solche Vorstellungen mehr ernst und in Auseinandersetzungen produzierten solche Wertschätzungen irgendwann nur noch Spott und Hohn. Mit dem Verschwinden des Lagerdenkens wurde es auch möglich, sich unbefangen mit mit den dunklen Flecken der Geschichte auseinanderzusetzen. Die Ikonen der Ideologie verloren ihre Macht und wurden zu Objekten des Spotts. Das Kopfbanner das seinerzeit viele Parteiblätter zierte bedachte jemand als, jenes echte Signum der tendenziellen Progression des Haarausfalls.

Als mit den 80igern die Welt der Autonomen und Antiimps museal wurde, verschwand auch ihr zusammengerotztes Graupapier und die unlesbaren Bleiwüsten, ebenso ihre Feindbilder und ihre Paranoia oder auch ihre zur Schau getragene Armut. Was sich am Erscheinungsbild späterer Demos gut feststellen lässt. So etwa bei Studentendemos, bei denen die Beteiligten nicht mehr in verrotteten Outfit rumlaufen und aussehen, als hätten sie zwischen der Schlacht vom Winterfeldplatz bis zur Startbahn dringesteckt. Oder das Erscheinungsbild der Hanfparade lässt sich anführen, wo die Beteiligten nicht grad so erscheinen als würden sie in den Krieg ziehen.

Wird heut der Dresscode kritisiert der sich vielerorts breitmacht und von dem ein ganzes Gewerbe lebt, so wird dabei schnell vergessen, das unter den Linken diese Dresscode ebenfalls sein Unwesen trieb, lange bevor es diesen Begriff gab. Pallifeudel, Lederjacke oder die unsäglichen lila Latzhosen sind heute eher was für Cartoonzeichner wenn sie ein vorher/nachher Bild zeichnen wollen. Längst sind auch diese Markenzeichen in der Mottenkiste verschwunden.

Ein bezeichnendes Beispiel lässt sich noch anführen. Da latschen Writer zur SOKO im Hauptbahnhof um sich Graffitibilder anzusehen, das in einer Unbekümmertheit die bei den Autonomen undenkbar gewesen wäre. Ebenso verschwand deren Antiimpweltbild aus den Köpfen, das die Welt in Gut und Böse einteilte und "Befreiungsbewegungen" idealisierte. Zwischen uns und dem Feind einen klaren Trennungsstrich ziehen, dieser Satz löst allenfalls noch Naserümpfen aus. Hier wir, da ihr, dazwischen gibt es nichts. So einfach war die Welt noch nie. Nur führen diese Vorstellungen, Gebote und Verbote noch lange ein Eigenleben auch wenn deren Zusammenhang längst nicht mehr besteht in dem sie mal eine wie auch immer geartete Bedeutung hatten. Eines dieser Verbote lautet, du sollst nicht auf Demos fotografieren. Anfangs mit Spitzelangst bzw Berufsverbote begründet, hat sich dieses Verbot derart verselbstständigt, das es nicht mehr begründet werden muß. Macht man eben nicht. Wer es doch tat, stellte sich außerhalb des unsichtbaren Netzes ungeschriebener Regeln und Verbote und bekam es gelegentlich mit den selbsternannten Wächtern linker Sitten zu tun und den dummen Spruch zu hören, für wen man fotografieren würde. Damit hat ich auf der Hanfparade in Berlin weniger Probleme. Diese Sittenwächter waren schon lange nicht mehr dabei, hier ohnehin nicht und hatten längst ihre "Macht" verloren. Nur noch in manchen Hirnen sitzen diese Verbote und ihre Vollzugsorgane. Gut, niemand hat mich beauftragt abzulichten, aber auch diese Tugendwächter hat niemand beauftragt es mir zu verbieten. Soll man sich drum prügeln? Noch heute führt dieses Bilderdogma ein Eigenleben wie sich das z.B. auf Indymedia beobachten lässt. Bemerkenswerterweise auf einer Seite, die von Bildberichten lebt und davon, das heute mit Diggicam oder sogar Handycam Möglichkeiten bestehen, von denen man in den frühen 80igern nicht mal träumen konnte. In der Writerwelt bildeten sich ebenfalls Regeln und teils mit Grund. Eben die Insiderregeln in halblegalen Welten, in denen niemand etwas einklagen kann, etwa zur Polizei gehen und melden, der hat in mein Piece reingecrosst. Das Bildverbot gehörte jedenfalls nicht dazu und so war es kein Problem, Yardbilder zu machen bei denen wegen der langen Belichtungszeit eh niemand genau zu erkennen ist. Die linken Sittenwächter gehörten eh nicht zu dieser Welt und hatten da nie was zu melden. Und da ich das Spiel bereits kannte, brachte es den Vorteil das ich die Regeln dieser Welt auch übertreten konnte. Unter anderem produzierte ich Streetart lang bevor dieser Begriff aufkam. Linke Regeln wurden hier ohnehin zuhauf gebrochen, ohne das es die Beteiligten merkten. Sie kamen nicht aus der linken Szene und wußten nicht  mal was von deren Regeln. Frauenbilder zu produzieren zählte einfach zur Bandbreite der Character. Bei mir sah das anders aus, da war es ein bewußter Regelbruch.

Damit kommen wir zu einen weitern Verbot. Erotik ist frauenfeindlich. Ist eben so, muß nicht weiter begründet werden. Das aus einer Bewegung, die in grauer Vorzeit mal gegen Bildverbote und Zensur kämpfte und teils auch mit Absicht solche Bilder druckten. Die Ideologie des Feminismus in den 70iger und 80igern brachte die Bildzensur in die linken Medien zurück, nur auch diese Welt ist mittlerweile Geschichte. Deren Kultbücher findet man heute im Altpapier und deren Verbote spuken nur noch in wenigen Medien rum die niemand mehr beachtet. Na neuerdings im Internet, aber da kommt vieles aus der Vergangenheit hoch und da sieht jede Seite erstmal größer aus als sie ist. Etwa auf Indymedia, wo man diesen Irrsinn noch live geboten bekommt und sehen kann, wie Neudazugekommene die alten Verbote übernehmen, weil sie dazugehören wollen. Nur zu was gehören? Welchen Grund gibt es, sich an das Verbot Akt darzustellen zu halten, wenn es diese Welt schon lange nicht mehr gibt und die Vertreter längst ihre Macht verloren haben die sie möglicherweise mal hatten, ihre Vorurteile anderen aufzudrücken. Ein weiterer Punkt ist die linke Sprachreglung. Das BinnenI das mal die TAZ unlesbar machte, ist da schon lange verschwunden bzw. Objekt der Satire geworden. Nur die Kleinpresse hielt sich noch Jahre danach an diese Sprachverunstaltung. So schreibt man (Frau/ Mensch) eben wenn man dazugehören will. Gelegentlich brach jemand in der TAZ die linken Regeln und dann tobten sich die Sittenwächter mit Leserbrief und Abokündigung aus, das war aber meist nur ein Sturm im Wasserglas.  Das ist nichts Neues, wer früher dazugehören wollte, mußte die marxistische Terminologie draufhaben. Sonst wurd man nicht ernst genommen. Aber wer bestimmt darüber? Schon immer waren es Minderheiten die dem Rest ihre Vorurteile aufdrückten und das nur deswegen konnten weil der Rest daran glaubte, diese Kleingruppen hätten ihnen was zu sagen, auch wenn sie niemand gewählt hat. Ihre einzige Macht basiert auf der Ausschlußdrohung. Kann man noch in Kreuzberg bei bestimmten Auseinandersetzungen beobachten. Wer nicht zustimmt, wird mit Ausschluß aus den Zusammenhängen bestraft. Nur was für Zusammenhänge? Was wenn diese Zusammenhänge nur noch Fiktion sind? Nicht mal der Grund dazugehören zu dürfen, wenn es nichts mehr gibt dem man sich zugehörig fühlen könnte. Zudem, eine Belohnung fürs Wohlverhalten hat diese Welt ohnehin nicht zu bieten, denn das Paradies sollt doch mal auf die Erde geholt werden.

Dabei ist es ganz einfach dieser Welt zu entkommen. Dazu muß man nur den Kopf freiräumen. Hör auf dich um die paar Gestörten zu kümmern, schon existieren deren Regeln für dich nicht mehr. Hör auf deren Graupapier zu lesen und schon haben sie ihre fiktive Macht verloren. Beachte die übrig geblieben Sektierer mit der gebotenen Mißachtung, die aus der eigenen Erfahrung kommt und reduzier sie auf das was sie sind, Gespenster aus der Vergangenheit. Zeig den heutigen Ideologen den Mittelfinger und beobachte wie bei ihnen der Hass hochkommt wenn sie auf Widerspruch stoßen. Das ist ein Stück Freiheit das man sich eben nehmen muß, denn geschenkt bekommt man diese nicht. Muß man gegen Spinner kämpfen? Erfahrungsgemäß hat sich vieles mit der Zeit von selbst erledigt. Ist es nicht irgendwo Zeitverschwendung etwa im Netz sich mit Spinnern zu prügeln die auch nicht mehr zu melden haben als man selbst und nichts weiter vertreten als ihren Irrsinn? Der Unterschied ist eben, im Internet kann man reintippen und widersprechen. Jeder kann es, im Gegensatz zur Printwelt die mehr Arbeit erfordert und nicht allen zur Verfügung steht. So offen waren auch linke Medien nicht wie sie angeblich sein wollten, auch da bestand stets die Frage, wer verfügt über das Medium. Warum trotzdem Widerspruch? Wenn niemand widerspricht, dann glaubt jeder, das ist die allgemeingültige Ansicht und daran hat sich jeder zu halten. Genau so entstehen die Regeln und Verbote. Derzeit lässt sich das auf Indymedia gut beobachten wie es funktioniert. Nach dem allgemeinen Geschrei, von wegen Gesichter unkenntlich machen, halten sich die User brav daran und maskieren Bilder notfalls großflächig bis hin zur Unbrauchbarkeit des ganzen Photos. Dann kann man auf eine Veröffentlichung auch verzichten, dabei handelt es sich um uninteressante Bilder irgendwelcher Demos bei denen nichts passiert ist. Aber nur keine Gesichter zeigen. Wer sich nicht daran hält bekommt Prügel. Halt dich an die Spielregeln, sonst darfst du nicht mitspielen. Hier sieht man wieder mal live, was das für ne Kinderkacke ist.

PS: Auf Indymedia ließ sich gut feststellen wie der Unterschied zur linken Printwelt aussieht. Da kann man schlecht widersprechen, im Internet schon eher. Als einige Ideologen den Begriff Volk abschaffen wollten, ließ sich auch in satirischer Form darstellen, das dieser Begriff aus der linken Geschichte nicht wegzudenken ist, siehe, "Völker hört die Signale." Ebenso ließen sich hier die linken Sprachreglungen brechen und schon sahen die Benutzer, es gibt auch andere Ansichten zur linken Sprachverunstaltung und zum BinnenI. Zumindest hoffen darf man, das es etwas bewirkt.

PS 2: Das Internet beschleunigt viele Entwicklungen. Früher, als solche Auseinandersetzungen über die Printmedien liefen, dauerte alles länger, auch Dummheiten waren dauerhafter. Heute kann man sie schnell auseinanderpflücken und deren Vertreter verschwinden recht fix und beleidigt auf ihren eigenen Seiten, wo sie niemand stört. Auf Indy etwa ließ sich beobachten, das die nervenden Feministen diese Seite mittlerweile zu meiden scheinen. Woran zu sehen ist, wie dünn die Basis ihres Weltbilds scheint. Kaum stoßen sie auf ernsthaften Widerspruch, schon ziehen sie beleidigt ab. In der Printwelt hatte man diese Möglichkeiten nicht, daher hielten sich da die Vorurteile um einiges länger.